Interpretation von Daten

Seit einiger Zeit beobachte ich bei allen drei Beuten, dass die Bienen am frühen Morgen (kurz nach Sonnenaufgang), wie zu erwarten, ausfliegen.
Interessanterweise kommen nach 1 - 1 1/2 Stunden wieder viele Bienen zurück (?) - oder haben schon 50 g eingetragen? Auf jeden Fall aber erfolgt dann der „2-te Ausflug“ mit sehr viel mehr Bienen (Arbeiterinnen, nicht Drohnen, die kommen erst am frühen Nachmittag).
Hat jemand eine Idee was dahinter stecken könnte (machen die Mädels „Frühstückspause“ ? ).

Gruß Charly

Könte es eventuell mit dem Sonnenstand zusammenhängen, heisst die Beuten sind zwischen 6 und 7 Uhr morgens kurz beschattet, z.B. von einem Baum oder so?

Nur eine Vermutung, aber es könnten die Kundschafter sein die zurückkommen und Trachtquellen anzeigen und anschließend die Manschaft mitnehmen um die Ernte einzufahren.

Hallo,
die Messwerte sind vermutlich, wie Silvio schon erwähnt hat, auf Temperatureffekte zurück zu führen! Ich habe derzeit zwei leere Beuten (eine Kugelbeute und eine Klotzbeute) Fettgedruckter Textin einem Bienenhaus Fettgedruckter Text stehen, d.h. diese erhalten keinen Regen, keinen Wind und keine direkte Sonne. Dennoch zeigen beide Beuten immer zur fast gleichen Zeit, kurz nach Sonnenaufgang, einen „Bump“ im Gewichtsverlauf. In der Graphik ist auch die in der Klotzbeute gemessene Temperatur aufgezeigt. Diese ist natürlich gegenüber der Außentemperatur sehr gedämpft, aber man erkennt den klaren Temperaturtrend nach Sonnenaufgang. Warum das „scheinbare Gewicht“ genau diesen Verlauf anzeigt (bei der Kugelbeute, die leichter ist mit einem „Überschwinger“, d.h. das Gewicht fällt zunächst ganz wenig (wirklich sehr wenig: ca. 20 g bei einem Gesamtgewicht von 50 kg !!) und steig dann 10 g über den anschließenden Mittelwert; bei der Klotzbeute (die viel massiver und schwerer ist) nur ein Minimum von ca. 20 g (bei 76 kg Gesamtgewicht), kein "Überschwingen).
Das sieht schon sehr nach Temperatureffekt aus (die Sonne geht, je nach Bewölkung, derzeit gegen 08:00 Uhr an den Beuten auf).
Lessons learned: man muss bei der Interpretation von Gewichtsänderungen doch sehr vorsichtig sein und auf mögliche Sekundäreffekte achten.

Nebenbei bemerkt: Die minimalen, aber reproduzierbaren Effekte zeigen, dass die Waagen exzellent und sehr präzise (relative Gewichtsänderungen) funktionieren!
Gruß Charly

… hier noch ein paar Beispiele der Meskurven:
Zwei Bilder der Kugelbeute:

Und hier zwei Bilder der Klotzbeute:



Ich hätte da auch noch eine Frage: ein Volk benimmt sich ungewöhnlich. Mit Sonne, Wind, etc kann das nichts zu tun haben: das Volk steht frei auf einem Beutenbock, links und rechts daneben weitere Beuten. Keine beeinträchtigenden Pflanzen, kein Schatten.

Was kann das sein?

PS: ein Dank an dieser Stelle für die prompten Reaktionen. Habe vor wenigen Tagen schon einmal eine Frage in das Forum gestellt, wurde sehr rasch mit einem guten Tipp beantwortet.

… und noch mit Temperaturkurve

Eine mögliche Erklärung: am Morgen frühstücken auch Bienen anderer Völker trotz Corona in diesem Volk, am Abend gibt´s dann den Gegenbesuch auf ein Glas Wein vor dem zu Bett gehen.

Andere Ideen? Möglicherweise sogar fachkundiger?!

Heute morgen wieder selbes Verhalten: image|690x306

Generell eine Warnung vorneweg
Aus technischer Sicht muss man vorsichtig sein, wenn man Gewichtsveränderungen < 100 g zu interpretieren versucht. Der grösste Messfehler ergibt sich aus dem Temperaturdrift der Wägezelle, die für jede Zelle anders aussieht und auch abhängig von der Belastung ist. Man kann also nicht per se sagen pro Grad beträgt der Fehler soviele Gramm, es ist nichtmal voraussagbar ob der Fehler mit Temperatur zu- oder Abnimmt. Aus diesem Grund ist es schwierig diesen Effekt zu kompensieren und man müsste für jede Zelle bei verschiedenen Gewichten die Temperaturabhängigkeit eruieren oder man kauft sich eine sehr teure Zelle die der Hersteller vorselektioniert hat. Hinzu kommt das Thema Feuchte im Zusammenhang mit Holz und Brut, dessen Einfluss ich zur Zeit nicht abschätzen kann bzw. keine gesicherten Daten vorliegen habe.

Was jetzt hier nicht zutrifft aber trotzdem nochmals erwähnt sein sollte
In der Praxis erklären sich solche Phänomene oft durch banale Dinge wie z.B. ein Flugbrett das den Boden berührt oder Beuten die an einem Gebüsch oder der Nachbarbeute anstehen.

Nun zu dem vorliegenden Fall
Wir hatten mal einen ähnlichen Fall wo auch das Gewicht morgens unerklärlicherweise leicht angestiegen ist. Es hat sich dann herausgestellt, dass die Spanngurte zwischen Wägezelle und Aluplatte verklemmt war und zusammen mit Feuchtigkeit und Temperatur zu dieser Gewichtskurve geführt hat. Deshalb die Frage, ob der Zwischenraum zwischen Wägezelle udn Aluplatte frei ist? Ansonsten wäre ein Foto der fraglichen Beute hilfreich.

Hier eine aktuelle Ergänzung von mir zu dem Thema:
Ich habe gestern mein „Bienenhaus“ auf der SE Seite geöffnet und die Sonne auf die Beuten und damit indirekt auf die Waagen scheinen lassen. Im Anhang sieht man die Effekte:

  • Beide Waagen haben einen positiven Temperaturkoeffizienten, d.h. das scheinbare Gewicht wird größer, wenn die Temperatur (gemessen im oberen Drittel der Klotzbeute) höher wird vice versa.
  • Überlagert ist bei beiden Beuten ein weiterer Effekt: die Beuten werden langfristig leichter. Dieser Effekt ist bei der viel schwereren Klotzbeute größer, da mehr Masse. Ursache ist m.E. ein Trocknungseffekt vom Holz. Beide Beuten sind zwar aus getrockenetem Holz gemacht aber Holz „atmet auch Feuchtigkeit“, d.h. gibt sie ab wenn es außen trockener wird (was derzeit der Fall ist) oder nimmt sie auf, wenn es nasser wird. Dieser Effekt wird bei der Verwendung von nicht getrocknetem Holz noch größer sein. Langfristig aber in ein „hin und her“ münden.
  • Was ich noch nicht verstanden habe, ist der negative Hub bei der Kugelbeute, kurz nach Sonnenaufgang (08:12 Uhr).

Resumee? Silvio hat es schon gesagt: Bei der Interpretation von geringen Gewichtsänderungen (je nach Beutengewicht < 100g oder < 200 g muss man sehr vorsichtig sein. Viele physikalische Parameter können das scheinbare oder reale Beutengewicht verändern!

Im Anhang ein Bild der Waagen und der „Brutraumtemperatur“ sowie ein Bild der Beuten (nicht für „Honigimker“ geeignet :wink: )


Gruß Charly

Heute ist mir aufgefallen, dass man den Peak am morgen teilweise sogar auf den Regionen-Durchschnitten sieht. So z.B. unten für „Hochrhein- Genfersee“ sowie „Jura und Randen“ wobei es bei „Jura und Randen“ nicht jedesmal der Fall ist. Das würde eher dagegen sprechen, dass es ein Temperaturdrift oder Messfehler ist, da wir hier pro Region mindestens 30-50 Waagen gemittelt haben:

In meinem Fall konnte glaube ich eine Klärung herbeigeführt werden:

ich habe mehrere Beuten, die jeweils paarweise stehen. Der von Charly erwähnte Besonnungseffekt müsste also mehrfach auftreten, tut es aber nicht. Bei mir ist das also eher nicht der Grund.

Ich hatte bei der konkreten Beute das Kabel recht straff gespannt zum Boden geführt. Das habe ich gelockert - nun ist die Auffälligkeit auch nur mehr sehr schwach wahrnehmbar. Ich denke also, dass es das war.

Herzlichen Dank Euch allen für´s Nachdenken. Immer wieder faszinierend, was so alles eine Rolle spielen kann, und auch, wie interessant das Wissen vieler Profis ist.

Euch allen Gesundheit und gut gefüllte Honigtöpfe!

Thema kann von mir aus geschlossen werden. Danke.

Hallo zusammen
Wie soll ich diese Daten interpretieren. Nr. 4 liegt genau zwischen 3 und 5. Auch die anderen beiden Völker auf dem Stand verzeichnen ähnliche Kurven wie 3 und 5. Bei nr. 4 handelt es sich um eine Buckfastvolk. Die anderen beiden Landrassen (Carnica).

Es kommt oft vor, dass ein Volk vor den anderen eine Nektarquelle findet (auch bei Räuberei), die anderen ziehen dann üblicherweise nach 1-2 Tagen nach.

Alle Völker scheinen ähnlich stark zu sein dem Ausflug vom 3. und 4. April her zu urteilen mit Vorteilen für Nr. 4. Aber trotzdem ist es ein bemerkenswertes Beispiel :thinking:

Hallo miteinander,

die HiveWatch zeigt uns, wie wenig wir tatsächlich von den Bienen wissen und verstehen!

Beiliegend die auf den 2.Mai 20 normierten Gewichte meiner drei Beuten. ALLE drei Beuten zeigen ein recht „seltsames“ Verhalten, z.T. durch das Wetter bedingt (mal Sonne, mal leichter Regen) z.T. durch den Drohnenflug bedingt. Dennoch finde ich es ausserordentlich erstaunlich, wie kongruent alle drei Völker sich innerhalb der beiden Tage verhalten. (am 4.5. 14:51 trat ein kurzer Signalausfall wg. schlechtem Empfang aus).

Gruß Charly

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… und hier noch mal sehr deutlich der Einfluß der äußeren Witterungsbedingungen auf das Beutengewicht:
Die Graphik zeigt das Gewicht einer Klotzbeute (absolutes Gewicht ca. 76 kg Holz!) ohne Bienen. Die Beute steht in einem Bienenhaus aus Holz (Foto siehe oben), ist also nicht dem Regen ausgesetzt. Das Holz der Beute war Kammergetrocknet, die beiden Abschlüsse oben und unten sind Holzscheiben vom letzten Jahr. Die Spikes in der Graphik rühren von Interventionen von mir her, sind also bedeutungslos. Sehr gut sieht man die Korrelation des Beutengewichtes mit den Feuchte- und Temperaturdaten (natürlich über mehrere Tage gemittelt!). In der sehr trockenen Periode vom 12 März bis 29. April nimmt das Beutengewicht wg. Trocknung um ca. 2 kg ab. Ab dem 28. April wurde das Wetter feuchter und das Holz nahm wieder Feuchtigkeit auf (ca. 0,7 kg bis zum 1.Mai). Ab 1. Mai sind nur noch die Temperatureffekte der Sensoren überlagert mit einer leichten Abnahme wegen Trocknung (< 100 g) zu sehen.
Resumee: Bei der Interpretation der Beutengewichte muss man immer auch die Änderung des Gewichtes durch äußere Faktoren (Feuchte der Luft, Regen, Temperatur -> Temperarturgang der Dehnmessstreifen) beachten!
Charly

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Mich würde Eure Interpretation interessieren:

alle drei Völker stehen nebeneinander. Das blaue Volk ist im Normalfall das stärkste, verliert beim Ausfliegen am meisten Gewicht, bringt über den Tag am meisten ein.

Gestern Nachmittag beginnen nun 2 Völker mit dem Eintrag, das blaue Volk verliert aber konstant an Gewicht, allerdings, wie in der zweiten Grafik zu sehen ist,

etwa über einen Zeitraum von 2 1/2 Stunden. Schlussendlich fehlen etwa 800 Gramm.

Deute ich das richtig, dass ein Schwarm abgegangen ist?

Danke!

Da es sich hier um sprungbereinigte Daten handelt, ist es schwierig zu sagen, ob ein Schwarm abgegangen ist, da der Sprungbereinigungsalgorithums diese Gewichtsabnahme teilweise herausfiltert.

Ich würde aber meinen es war kein Schwarm. Vermutlich haben das schwarze und violette Volk eine Nektarquelle gefunden, die das blaue Volk nicht entdeckt hat. Da die Bienen jetzt dauernd Nektar prozessieren, verlässt Feuchtigkeit den Stock was in zu einer stetigen Gewichtsabnahme führt. Das sieh man besonders gut in der Nacht wo ebenfalls eine Abnahme um die 500g stattgefunden hat. Dasselbe findet vermutlich auch über den Tag statt und überlagert sich mit den Gewichtsänderungen infolge Bienenaktivität.

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… das sehe ich genau so wie Silvio. Die „Glättungsfunktion“ ist mit äußerster Vorsicht zu verwenden, da sie viele Gewichtsänderungen „weg bügelt“ und manchmal „seltsame Effekte“ produziert. Hier ein Beispiel für einen echten Schwarmabgang, zuerst ohne Sprungbereinigung und dann mit Sprungbereinigung.

Gruß Charly

Auch die Wegnahme der Glättungsfunktion hat nichts gebracht. Die Bienen haben heute die Erklärung aber (leider) selbst geliefert: am Vormittag sind gut 5 kg geschwärmt.

Ich habe mal gelesen, dass sie vor dem Schwärmen mit dem Sammeln aufhören. Dürfte in dem Fall wohl des Rätsels Lösung sein.

Der Schwarmalarm hat übrigens perfekt funktioniert. Was bei der Waage noch nicht perfekt ist bzw. fehlt: eine Funktion, mit Hilfe der Waage Schwärme von hoch oben auf einer Tanne, die direkt an einer Abhangkante (einige hundert Meter) steht, herunterzulocken, wäre hilfreich. :wink: Ohne diese Funktion kann man den Damen leider nur nachschauen… :frowning: